Das große Familientreffen
zum Abschied des Meisters

Es gibt es noch immer, das Handwerk, das einem Sprichwort zufolge einen goldenen Boden hat.

An sich ist es ja nichts Außergewöhnliches, daß der Chef eines Handwerksbetriebes nach 35 Jahren als selbständiger Unternehmer in den Ruhestand tritt. Daß es zum Abschied des Chefs so etwas wie ein Familientreffen aller ehemaligen Mitarbeiter gibt, ist nicht mehr alltäglich. Der Orthopädie-
schuhmachermeister Josef Weiß (62) aus der Wallerer Straße 7 übergab vor kurzem seine Werkstätte an seinen künftigen Schwiegersohn Gerhard Sperl. Weiß, der sich 1958 in Thalheim selbständig machte, 1965 nach Wels in die Dr.-Koß-Straße und 1971 in einen Neubau in der Wallerer Straße übersiedelte, hat während dieser 35 Jahre sechs Lehrlinge und elf Gesellen eingestellt, lud sie alle mit ihren Familien zu einem großen Abschiedsfest ein.

Es begann mit einem gemeinsamen Gottesdienst in der Herz-Jesu-Kirche. Weiß im Einladungsschreiben: "Denn ich möchte auch unserem Herrgott danken für den ständigen Schutz während meiner Berufslaufbahn". Nach einer Besichtigung der Werkstätte traf man sich zu einem Mittagessen.
Besonders stolz ist Weiß darauf, daß alle seine ehemaligen Lehrlinge und Gesellen noch immer den Beruf des Orthopädie-Schusters ausüben. Elf haben es sogar zum Meister gebracht. Sein künftiger Schwiegersohn Gerhard Sperl lernte ursprünglich Werkzeugmacher, ehe er 1987 umsattelte und Ende September
1992 die Meisterprüfung als
Orthopädie-Schuster ablegte.
Weiß übergab seinem Nachfolger sein Lebenswerk, nämlich rund 1000 Paar Leisten. Die meisten von ihnen hat er in mühevoller Handarbeit aus Lindenholz geschnitzt. Erst der Fortschritt brachte es mit sich, daß sie heute aus

Kunstharz gegossen werden. Jeder Mensch mit Schäden an den Füßen ist auf Maßschuhe angewiesen. Ein eigener Leisten ist die unbedingte Voraussetzung dafür. Daher sind die Leisten sozusagen der Schatz jeder Orthopädie-Schusterwerkstätte. Weiß:
"Wenn ich in Pension gegangen wäre, ohne einen Nachfolger zu finden, wenn die Werkstätte also zugesperrt worden wäre, dann

hätten die Leisten nur noch den Wert von Brennholz gehabt".
Weiß, der viele Jahre seinen Beruf in der Kammerorganisation vertrat, blickt nicht nur auf ein erfülltes Berufsleben zurück. Bei ihm ist von einem Pensionsschock nichts zu bemerken. Er stimmt auch nicht in den Chor jener ein, die klagen, die Pension der Selbständigen sei zu gering: "Ich hab' aber auch immer den Höchstbetrag eingezahlt". Und: "Ich bin in meinem Beruf nicht reich geworden, ich bin aber auch nicht arm".

Quelle: WELS-STADT Nummer 46/ 12. November 1992